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Jahr ohne Sommer

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In der Stadt Ravensburg in Baden-Württemberg: Man hat eine Suppenküche eingerichtet. Arme Menschen erhalten etwas zu essen.
Die Draisine war ein Ersatz für verhungerte Pferde und ein Vorläufer des Fahrrads.

Das „Jahr ohne Sommer“ gab es im Jahr 1816, also vor über 200 Jahren. Damals war der Sommer besonders kalt. Die Menschen erlebten Schnee und Frost, in Europa sogar im Juli und im August. Die Sonne zeigte sich kaum. Dadurch war es außergewöhnlich kalt. Schnee fiel immer wieder bis weit in die Täler und ins Flachland.

Das hatte schlimme Folgen: Es gab viel weniger zu ernten. Besonders schlimm war es in den Gegenden, die sich nicht gewohnt waren, durch Handel Lebensmittel von weit her zu kaufen. Viele Menschen mussten hungern oder waren so schwach, dass sie krank wurden. An manchen Orten prügelte man sich deswegen. Aus der Schweiz gibt es Berichte, dass Kinder auf den Wiesen Gras aßen wie die Kühe oder Baumrinde. Alles in allem kamen in Europa zweihunderttausend Menschen um, nur weil sie keinen richtigen Sommer hatten.

In einigen Gebieten wurde es aber erst im Jahr danach richtig schlimm, dies aus zwei Gründen: In der Not hatten die Menschen ihr ganzes Saatgut aufgegessen, ohne es für das folgende Jahr zurückzulegen. So konnten sie auch in diesem Jahr nichts ansäen und ab dem Sommer nichts ernten.

Zweitens war im Jahr zuvor wegen der Kälte außerordentlich viel Schnee gefallen. Der blieb in den Bergen liegen. Als es im Sommer 1817 dann wieder so warm war wie üblich, schmolz dieser Schnee und überflutete weite Gegenden. Besonders schlimm traf es das Rheintal zwischen Sargans und dem Bodensee, und zwar auf der Seite der Schweiz und von Österreich. Der Bodensee stand so hoch wie nie zuvor und überflutete weite Ufergebiete.

Warum war es damals so kalt?

Dieses Foto aus dem Weltraum zeigt den Tambora von oben. Das ist ein Vulkan, der in Indonesien liegt. Das Jahr ohne Sommer kam wohl durch seinen Ausbruch.

Die Menschen im Jahr 1816 wunderten sich über die Kälte. Über hundert Jahre später vermutete ein Fachmann für das Klima: Vielleicht ist ein Vulkan ausgebrochen und hat viel Asche ausgestoßen. Die wäre dann in die Atmosphäre geraten, in hohe Luftschichten, und hat sich über die ganze Erde verbreitet. Durch die Asche in der Luft kamen die Sonnenstrahlen nicht mehr richtig auf den Erdboden, und darum war es so kalt.

Heute glaubt man, den schuldigen Vulkan zu kennen: Im Jahr 1815 brach der Tambora aus. Dieser Vulkan liegt auf der Insel Sumbawa, die heute zu Indonesien gehört. Dabei wurde dem Tambora die obere Hälfte weggesprengt. Das war der heftigste Ausbruch in der Geschichte der Menschheit. Noch nie gelangte so viel Asche in die Luft.

Welche Folgen hatte das Jahr ohne Sommer?

Der Chemiker Justus von Liebig suchte nach einer Lösung, um Hungersnöte zu verhindern. Deshalb untersuchte er das Wachstum der Pflanzen. Er erfand die Mineraldüngung. Dadurch konnten die Bauern mehr ernten.

Die Schweiz und Österreich taten sich erstmals zusammen. Nicht mehr jeder Staat baute für sich Dämme gegen das Hochwasser, sondern erstmals taten sie es gemeinsam. Handelsbeziehungen wurden erweitert um für eine weitere Katastrophe gewappnet zu sein. Die Vorratshaltung für Saatgut wurde verbessert.

Als das Futter für Pferde knapp wurde, starben viele Pferde. Der Freiherr Karl von Drais suchte nach einen Ersatz und erfand die Draisine. Das war eine Art Laufrad und Vorläufer des Fahrrads.

Tausende von Not leidenden Europäern wanderten in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Dort zogen hungernde Farmer in den Nordwesten des Landes und begründeten innerhalb weniger Jahre mehrere neue Bundesstaaten.

Das Jahr ohne Sommer wirkte sich auch auf die Kunst aus. Die britische Schriftstellerin Mary Shelley verbrachte den Sommer 1816 mit Freunden in der Nähe des Genfersees. Da das Wetter sehr schlecht war konnten sie das Haus oft nicht verlassen. So beschlossen sie, Schauergeschichten zu schreiben und sich gegenseitig vorzulesen. Shelley schrieb die Geschichte von Frankenstein. Der Arzt John Polidori verfasste eine der ersten Vampirgeschichten.

Ascheteilchen in der Atmosphäre sorgen für das Rot im Sonnenuntergang. Damals waren die Sonnenuntergänge in Europa besonders prächtig. Deshalb erscheinen die Abendstimmungen des britischen Malers William Turner für uns heute so unnatürlich.